„Ich bin systemrelevant!“ Mit dieser Aussage wenden sich immer mehr Vertreter von Unternehmen und Verbänden an die Politik – beziehungsweise an den Steuerzahler. Allein der Begriff systemrelevant soll möglichst steuerfreies und nicht rückzahlbares Geld auf die Konten fließen lassen. Dabei kannte bis zur Bankenkrise 2008 kaum jemand dieses jetzt zum Totschlag-Argument gewordene Wort.
Und wer ist zurzeit nicht alles systemrelevant: Flugzeugbauer, Autohersteller, Reiseveranstalter – nur um einige zu nennen. Sogar ein milliardenschweres Familienunternehmen der Fleischindustrie verstieg sich angesichts der drohenden Schließung eines Betriebsstandortes zu der Behauptung, systemrelevant zu sein. Nach tatsächlicher Einstellung der Produktion aber konnten die Verbraucher keinen Engpass bei der Kotelett-, Kassler- und Knackwurstversorgung oder sogar den Zusammenbruch der regionalen Wirtschaft feststellen.

Leider hatte sich die angesprochene Landesregierung in diesem Fall die Behauptung (vor)schnell zu eigen gemacht. Denn bei dem genannten Betriebsstandort handelt es sich nur um ein „Element“ von relativ geringer Bedeutung für das „System“. Nach der System-Theorie besteht ein System aus mehr oder weniger vielen Elementen, die über Beziehungen miteinander verknüpft sind. Bei der Bewertung der Systemrelevanz ist zudem die Frage zu beantworten, ob es sich bei dem betrachteten System um ein „Teilsystem eines Super-Systems“ oder nur ein „Sub-System“ handelt.

Noch eines sei angemerkt: Es gibt keine einheitliche Definition des Begriffs System. Sie unterscheidet sich je nach Positionierung und Fachrichtung des Betrachters deutlich. Daraus ergibt sich fast zwangsläufig auch eine unterschiedliche Einordnung in die Systemrelevanz, also die Bedeutung/Wertigkeit eines Elements für das System. Erschwert wird die Einordnung zusätzlich durch die Betrachtungsebene: ob international, national, regional oder lokal. Um bei dem Beispiel zu bleiben, ein Schlachtbetrieb kann für das Wirtschaftssystem einer Region von hoher Bedeutung sein, national betrachtet hat er unter Umständen hingegen kaum Gewicht.

Regionale Unternehmen haben den Begriff systemrelevant bisher kaum in den Mund genommen – aus Bescheidenheit? Dabei könnten sie selbstbewusst auf ihre Bedeutung für das Wirtschaftssystem eines Bundeslandes oder einer Region verweisen. Dies gilt insbesondere für Lebensmittelerzeuger von der Urproduktion bis zur Verarbeitung sowie Gastronomie und Hotellerie. Sie sind gewichtige Elemente in den Sub-Systemen Tourismuswirtschaft, Nachversorgung und Arbeitsmarkt. Ihre Wirkungen reichen noch weiter – hinein in das soziale System mit seinen immateriellen Ansprüchen wie Lebensqualität, Wohlbefinden, Versorgungssicherheit oder in das sozioökologische System mit seinen Werten wie dem Erhalt von Kulturlandschaft, Umwelt oder Klima. Mit Fug und Recht könnten sich regionale Produzenten, Gastronomen und Hoteliers auf Systemrelevanz berufen!

Wer also mit flinker Zunge behauptet „Ich bin systemrelevant!“, sollte zukünftig seine systemische Einordnung mit Daten und Fakten untermauern. Ansonsten hat das Schlagwort systemrelevant gute Chancen, zum „Unwort des Jahres“ gekürt zu werden.