Wieder einmal machte ein Lebensmittel-Discounter Schlagzeilen. Diesmal war jedoch kein Lebensmittelskandal die Ursache. Es war viel trivialer – Preisinformationen zu 16 Produkten von den durchschnittlich 3.500 Artikeln des Gesamtsortiments. Trotzdem schaffte diese Aktion den Sprung in die Abendnachrichten und auf die Wirtschaftsseiten der Tageszeitungen.

Was war geschehen? Der zum Handelsriesen REWE gehörende Discounter hatte dem Wirtschaftsinformatiker Tobias Gaugler (Universität Augsburg) den Auftrag erteilt, für ausgewählte Produkte der Handelskette die tatsächlichen Kosten zu ermitteln. Die Ergebnisse wurden bei der Eröffnung des ersten „Nachhaltigkeits-Erlebnismarktes“ in Berlin präsentiert. Für acht Produkte jeweils aus konventioneller und ökologischer Produktion wurde dem „Verkaufspreis“ der „wahre Preis“ gegenübergestellt.

Das Ergebnis: Durchschnittlich klafft bei den konventionellen Produkten eine Lücke von 62 Prozent zwischen dem Verkaufspreis und dem „wahren Preis“ – bei den ökologischen Produkten immerhin noch 35 Prozent. Besonders deutlich wird dies bei den Produkten tierischer Herkunft: Gemischtes Hackfleisch müsste demnach im Preis um 175 Prozent steigen, Milch um 122 Prozent und Gouda um 88 Prozent. Deutlich geringere Unterschiede zeigen pflanzliche Produkte.

Diese Zahlen spiegeln nur die halbe Wahrheit wider. Denn die Berechnungen beruhen nur auf vier Faktoren – Stickstoff, Klimagase, Energie und Landnutzungsveränderungen. Weitere gewichtige Faktoren, so die Wissenschaftler, wie Antibiotika- und Pestizideinsatz, Landschaftszerstörung durch Rohstoffabbau, gesundheitliche oder soziale Auswirkungen konnten wegen fehlender Datengrundlage nicht beziffert werden. Der „wahre Preis“ müsste also noch deutlich höher liegen!

Wem nützt also diese doppelte Preisauszeichnung, zumal die wenigen untersuchten Artikel dann doch zu „normalen“ Preisen angeboten werden? Ein Schelm, der darin nur eine reine PR-Aktion vermutet. Ein REWE-Manager sieht darin einen Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit: „Wir müssen dazu kommen, die Folgekosten unseres Konsums sichtbar zu machen …“ und weiter „Wir sind als Unternehmen in einem wettbewerbsintensiven Markt ohne Zweifel Teil des Problems“. Diese Einsichten verdienen erst einmal Respekt.

Zum jetzigen Zeitpunkt hinterlässt die Unternehmensinitiative aber eher Ratlosigkeit. Auch die Reaktion von Verbraucherverbänden ist eher schwach zu nennen. Foodwatch e. V. erklärte, die Kosten müssten von Produzenten getragen werden. Und auch die Verbraucherzentrale Berlin kommentierte, eine Kostenweitergabe an die Verbraucher gehe nicht.

Ja, aber wer sollte denn für die Folgekosten aufkommen, wenn nicht der Konsument dieser Produkte? Denkt man in dieser Richtung weiter, erkennt man, dass wir uns in eine Sackgasse gewirtschaftet haben. Dem Handelsriesen war in letzter Konsequenz wohl nicht bewusst, den Finger in die Wunde eines gesamtwirtschaftlichen und gesamtgesellschaftlichen Problems gelegt zu haben, dass grundsätzlich unsere Wirtschaftsweise und Kostenermittlung hinterfragt? Jetzt aber sollte er den nächsten Schritt gehen und seine Initiative in eine politische Dimension und zu Lösungswegen führen. Der Weg aus dieser Sackgasse wird mit Sicherheit für alle ein holpriger und unbequemer sein. Doch er ist unausweichlich.