Dumpf dröhnende Traktoren mit protestierenden Landwirten, die u.a. eine höhere Wertschätzung ihrer Arbeit und einen verbesserten Dialog mit der Politik forderten, zogen an der ACO-Thormann-Halle vorbei. Hintergrund für Moderatorin Nina Tschierse, in das Gespräch mit Dr. Dorit Kuhnt, Staatssekretärin im schleswig-holsteinischen Ministerium für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt, Natur und Digitalisierung (MELUND), mit der Frage einzusteigen, vor welchen Herausforderungen man im Ministerium stehe.

Staatssekretärin Dr. Kuhnt: „Wir stehen auf einem sehr breiten Diskussionsfeld. Einerseits müssen wir uns mit den Interessen der überwiegend konventionellen Landwirtschaft auseinandersetzen und andererseits wollen wir den ökologischen Landbau stärken und ausbauen. Dabei müssen wir sowohl die Großbetriebe wie auch die klein- und mittelständischen Erzeuger im Blick haben, die wir stärken wollen. Einerseits geht es um den Erhalt aller Betriebe in ökonomischer Hinsicht und andererseits müssen wir uns um umweltpolitische Lösungen in Hinblick auf die Folgen des Klimawandels, die Notwendigkeit eines nachhaltigen Wirtschaftens sowie den Erhalt der Funktionsfähigkeit von Natur und Umwelt kümmern. Und das Ganze steht dann auch noch vor dem Hintergrund der globalisierten Wirtschaft und der oft maßgeblichen EU-Gesetzgebung.“

Auf die Frage nach dem Verbraucherverhalten antwortete Staatssekretärin Dr. Kuhnt, dass sie dieses sowohl bei Käufern im Lebensmittelhandel aber auch bei Gästen in den Restaurants als ambivalent wahrnehme. Zwar werde in Umfragen deutlich, dass ein Großteil der Befragten bereit sei, für gesunde, regionale und saisonale Produkte einen höheren Preis zu zahlen. Tatsächlich falle die Kaufentscheidung aber häufig zugunsten des preiswerteren Produkts aus. An dieser Stelle sei gemeinsam noch viel und leider langwierige Informations- und Aufklärungsarbeit zu leisten.

Den Auftakt für das anschließende Podiumsgespräch bildete für Moderator und Mitdiskutant Stevan Paul (Fachjournalist und Autor/Hamburg) die Feststellung, dass vorwiegend Köche und Gastronomen aktuell viele heiße Eisen aus dem Feuer holten. So hätten die Jeunes Restaurateurs (JRE) Anfang Oktober die „Chefsinitiative für die Zukunft der Gastronomie“ gegründet und ein Manifest veröffentlicht. Nahezu zeitgleich habe Jens Rittmeyer (Sterne-Koch/Buxtehude) einen Brief an seine Kolleginnen und Kollegen mit ähnlichem Inhalt öffentlich gemacht. Deshalb auch die Fragen von Stevan Paul: „Gibt es Indizien für einen Werte- und Wahrnehmungswandel in der Gastronomie? Was muss sich ändern? Wie können wir zu einer höheren Wertschätzung der deutschen Gastronomie kommen? Welche Unterstützung wird benötigt?“.

Jens Rittmeyer schoss ein Feuerwerk von Anregungen und Forderungen ab: „Wir als Köche müssen aufhören, uns gegenseitig selbst zu beweihräuchern. Wir müssen endlich größer denken. Wir müssen zum Beispiel über Abfallvermeidung und Ressourcenschonung nachdenken. Wir müssen neue Positionen zum Fleischkonsum entwickeln, das Bedauern über die fehlende (internationale) Wertschätzung unserer Arbeit ablösen durch die Entwicklung einer wirklich eigenständigen „Heimat-Produkt-Küche“. Durch unsere Nachfrage nach frischer, saisonaler Qualitätsware regionale Erzeuger stützen und stärken. Und nicht zuletzt Einfluss nehmen auf die Entwicklung der Berufsausbildung – inklusive der Lehrerfortbildung. Es gibt noch viele weitere Punkte anzusprechen. Um jedoch Gehör zu finden, müssen wir vordringlich unsere Stimmen bündeln.“

Volker Fuhrwerk (Sterne-Koch/Gut Panker) griff einen Aspekt heraus und schilderte die Schwierigkeiten, regionale Produkte von besonderer Qualität zu beschaffen:“Ich habe etliche Jahre gebraucht, um diese Lebensmittel zu finden und stabile Beziehungen zu den Erzeugern aufzubauen. An dieser Stelle sollten Strukturen aufgebaut werden, um die Arbeit der engagierten Köche und Gastronomen zu erleichtern.“

Gunnar Hesse (Koch/Amrum) ergänzte mit der Forderung, dem Aspekt „Nachhaltigkeit in der Gastronomie“ mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Dabei gehe es um die gesamte Wertschöpfungskette vom Landwirt über Lebensmittelproduzenten und Handel bis hin zum Verbraucher/Gast. Mehr Hilfe hierfür müsste seitens der Gesetzgebung und Politik geleistet werden. So sei es nicht nachvollziehbar, dass kleine Erzeugerbetriebe den gleichen hohen bürokratischen Aufwand leisten müssten wie große, finanzstarke Betriebe. Hier seien gesetzgeberische Korrekturen erforderlich. In diesem Zusammenhang wies Jens Rittmeyer auf die seiner Ansicht nach nicht nachvollziehbaren Regelungen der Mehrwertsteuer hin und forderte generell den reduzierten Steuersatz von 7 % für die Gastronomie.

Oliver Firla (Gastronom, Haddeby) lenkte das Gespräch nochmals auf das Problem des Arbeitskräftemangels und forderte eine Reform der Ausbildungsvorschriften. Beides mache politisches Handeln notwendig. Insgesamt teilte Stevan Paul die Ansicht, dass die Stärkung der Gastronomie angesichts der bestehenden Probleme ein intensiveres Handeln der Politik erfordere.

Staatssekretärin Dr. Kuhnt verwies auf etliche Handlungsfelder, in denen das Landwirtschaftsministerium bereits tätig sei: nachhaltige Fischerei, Förderung von Produzentengemeinschaften oder Klimaschutz. Beispiel für das Thema „Gesunde Ernährung“ sei die Aktion „Schulmilch“. Das vom Landwirtschaftsministerium und der EU unterstützte Programm setze bei den Kleinsten in den Kitas und Schulen an. Kostenfrei würden Milch und Obst verteilt. Fast 200 Schulen in Schleswig-Holstein nähmen daran teil. Allerdings sprach sie auch die Verantwortung von Verbraucherinnen und Verbrauchern bei der Problemlösung an: „Allein die Gesetzgebung ist kein Allheilmittel, sondern wird zunehmend als Fremdbestimmung empfunden und verfehlt damit leicht den steuernden Zweck. Auch muss zielgerichtet der richtige und zuständige politische Ansprechpartner gefunden werden.“

Johannes King (Stern-Koch/Sylt) kommentierte: „Einseitige Schuldzuweisungen sind nicht hilfreich. Denn wir alle sitzen in einem Boot und haben alle unseren Anteil an den sichtbar gewordenen Fehlentwicklungen. Folglich müssen auch wir alle einen Beitrag zu den Problemlösungen beisteuern.“

Wie schon in dem vorangegangenen Pressegespräch am Vormittag betonte Oliver Firla, dass FEINHEIMISCH e.V. sich dem Ruf nach einer Kräftebündelung stellt: „ FEINHEIMISCH wird sich in den kommenden Wochen mit kritischen Persönlichkeiten, Interessengruppen und Verbänden in Norddeutschland in Verbindung setzen und das Interesse an einer zukünftigen Zusammenarbeit abfragen. Der Verein ist bereit, erforderliche Koordinierungsarbeiten zu übernehmen. Unser Bestreben ist es, ein Treffen Anfang 2020 zu organisieren, um uns über Inhalte, Ziele und notwendige Organisationsstrukturen abzustimmen.“

Wolfgang Götze, Kiel

 

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