EINMISCHEN, der Kommentar

Wolfgang Götze
Als politischer Sprecher des FEINHEIMISCH-Vorstandes meldet sich
Wolfgang Götze immer wieder zu brisanten Themen zu Wort

Bekommt man die Frage gestellt „Wie positioniert Politik sich zum Thema Kulinarik?“ ist man erstmal ratlos. Eine Antwort muss her. Also durchforstet man Wahlprogramme und Koalitionsverträge. Resultat: Fehlanzeige. Allenfalls in den Kapiteln „Gesundheit“ stößt man auf den Begriff „Ernährung“, meist in Verbindung mit Kostenbelastungen durch Fehlernährung für Versicherungen und Beitragszahler. Dabei erinnert man sich an Wahlkampfplakate, die mit großen Lettern und knalligen Farben von „Regionalen Lebensmitteln“ oder „Erhalt des (Lebensmittel-) Handwerks“ sprachen.

Beim 1. FEINHEIMISCH-Symposium konnte man es erfahren. Eine neue Generation von Produzenten und Gastronomen betritt die kulinarische Bühne, die an die Türen von Parteibüros und Parlamentsgebäuden klopft. Ihr Credo: Essen ist politisch! Essen heißt globale Verantwortung übernehmen! Kolleginnen und Kollegen wurden aufgefordert, die politische Zurückhaltung (man könnte ja sonst Kunden verlieren) aufzugeben. Bei sichtbaren Fehlentwicklungen sollte vielmehr politisch Stellung bezogen und hörbar kommuniziert werden. Und schlendert man – vornehmlich in Metropolen – durch Kneipen oder über Marktplätze, hört man Gruppen junger Menschen lebhaft über Kulinarik und ihre politischen Bezüge diskutieren. Hier ist scheinbar etwas im Wandel!

Aus dem politischen Raum schallen uns dagegen vorwiegend Schlagworte der „harten“ Standortfaktoren wie „Ausbau der Infrastruktur“ oder „Förderung der Hochtechnologie“ entgegen. Zugegebenermaßen wichtige Themen, die mit ökonomischen Argumenten unterfüttert sind. Aber das Schlagwort „Kulinarik“ als „weicher“ Standortfaktor wird von der Politik nicht in den Mund genommen.

Dabei lässt sich mit der Kulinarik ebenfalls ökonomisch argumentieren. Trefflich geeignet ist hierfür die Tourismuswirtschaft, wie das Referat der Vertreterin der Tourismus-Marketingagentur Baden-Württembergs auf dem FEINHEIMISCH-Symposium zeigte. Von 2008 bis 2010 förderte das Land den Aufbau des Marketingsegments „Genuss und Kultur“ mit einer Million Euro. Hintergrund hierfür war, dass die „regionale Küche“ für 60 Prozent der Befragten an dritter Stelle der Reiseerwartungen steht. Das Thema ist bis heute aktuell und hat zur Erhöhung der Gästebindung mit positiven Effekten für die Tourismuswirtschaft des Landes geführt.

Dieses Beispiel müsste in Schleswig-Holstein eigentlich zu ähnlichen Aktivitäten bewegen, weist das Land doch zusätzlich mit dem Spitzenreiter der Reiseerwartungen „Strand- und Naturerlebnis“ ein weiteres gewichtiges Argument auf, um Urlaubsgäste für den „echten Norden“ zu begeistern – auch aus dem Ausland.

Erfreulicherweise hat der schleswig-holsteinische Landwirtschaftsminister Jan Philipp Albrecht an dem 1. kulinarischen Fachsymposium von FEINHEIMISCH teilgenommen und in seinem Eröffnungsstatement auf die ökonomischen Potenziale in der Wertschöpfungskette „Produzent – Lebensmittelverarbeiter – Gastronom – Kunde“ hingewiesen. Vielleicht eröffnet sich die Möglichkeit, mit der Politik zum Thema Kulinarik ins Gespräch zu kommen.