Quo vadis FEINHEIMISCH?

Das 1.FEINHEIMISCH-Symposium ist auf positive Resonanz gestoßen. Viele zustimmende Stimmen sind zu hören. Häufig verbunden mit der Frage „Wie geht es weiter?“. Der Vorstand wird in Kürze seine Schlussfolgerungen ziehen. Zuvor jedoch einige grundlegende Gedanken hierzu von Wolfgang Götze (Politischer Sprecher des Vorstandes) und Oliver Firla (Vorstandsvorsitzender).

11 Jahre gibt es „Feinheimisch – Genuss aus Schleswig-Holstein“ – die vergangenen 6 Jahre haben wir ohne öffentliche Fördermittel unsere Arbeit getan und aus eigener Kraft bewältigt; eine stolze Leistung!

Das Ergebnis sind ca. 500 Mitglieder, davon 36 gastronomische Betriebe, 54 Produzenten sowie 45 Fördermitglieder und Partner aus der Wirtschaft des Landes. Etwa 50 Info-Veranstaltungen werden pro Jahr von den einzelnen Mitgliedsbetrieben und Privatmitgliedern organisiert. So wird Wissen über Lebensmittel, deren Weiterverarbeitung und Verwendung in der Küche vermittelt. Das zeugt von Engagement und Zusammenarbeit innerhalb des Vereins. Und die Basis dafür ist das Bekenntnis zur Region und ihrer kulinarischen Vielfalt.

Feinheimisch muss sich also nicht neu erfinden! Das regionale Produkt und dessen handwerkliche Verarbeitung sind und bleiben unser Fundament, sind und bleiben unsere Philosophie und Klammer der Vereinsarbeit.

Wir sind davon überzeugt, nicht unerheblich dazu beigetragen zu haben, dass der Begriff „Region“ und „regionale Kulinarik“ in den Köpfen und Bäuchen angekommen ist. Auch werten wir es als Erfolg unserer Arbeit, dass ein großes, norddeutsches Handelsunternehmen und Premiumpartner von Feinheimisch mit Sitz in Schleswig-Holstein Erzeugnisse feinheimischer Produzenten prominent präsentiert. Feinheimisch ist auch an dieser Stelle zur Marke geworden! Können wir uns zufrieden zurücklehnen? – Wir sagen NEIN!
Mit dem Siegeszug des Begriffs „Regionalität in der Ernährung“ in die Wahrnehmungswelt der Gesellschaft und des Konsumenten beobachten wir jetzt allerdings inflationäre Verwendung. Ein besonders krasses Beispiel: Da fährt das Auslieferungsfahrzeug eines global agierenden Erfrischungsgetränkeherstellers mit dem Slogan „Regional abgefüllt – regional getrunken“ durch die Gegend. Hier könnte man noch lachen.

Ärgerlicher wird es, wenn im Handel Produkte mit dem Hinweis auf Regionalität beworben werden – beim genauen Hinsehen aber die Regionalität nur im Verpackungsort besteht. Oder, wenn sich im Restaurant die „Regionale Küche“ auf der Speisekarte als ein Sammelsurium von weit verbreiteten Zubereitungen entpuppt, und die Herkunft der Produkte stillschweigend übergangen wird. Außerdem: Wenn etwa 80 Prozent der gastronomischen Betriebe gerne Convinience-Produkte einsetzen, kann es mit der Regionalität nicht weit her sein. An dieser Stelle möchten wir ansetzen.

Gleich als erstes: Wir sind kein Zusammenschluss verbiesterter Regionalisten. Wir sind offen für neue Produkte, neue Kreationen, neues Konsumverhalten und eventuelle Entwicklungen in der Gesellschaft.

Gerade beim Lebensmittel zeigt sich eine gewisse Abkehr von der Globalisierung hin zum Bewusstsein für die eigene und erfahrbare Lebensumwelt, hinzukommen Vertrauen in Herkunft und transparente Produktion. Dies bedeutet: Die Zukunftsarbeit von Feinheimisch muss sich auf eine Aufwertung des Begriffs „Regionalität“ ausrichten.

Verbunden sein sollte dies mit dem Anspruch auf „Hohe Qualität“, „Transparenz bei der Produktion und Verarbeitung der Lebensmittel“ und mit „Ehrlichkeit“. Heruntergebrochen auf Lebensmittelproduktion und Gastronomie bedeutet dies, dass sie Attribute einer landestypischen Kulinarik sein müssen.

Nicht zuletzt gehört hierzu auch ein hohes Maß an „Authentizität“ – besonders in Hinblick auf die Angebote der Gastronomie als „Influencer“. Ein Nachkochen traditioneller historischer Rezepte allein reicht nicht aus! Hier gilt es bei Wahrung der kulinarischen Wurzeln den Brückenschlag zu Kreativität und Gäste-Erwartungen herzustellen und die Beziehung zur Region „Schleswig-Holstein“ deutlich zu machen. Im Ergebnis könnte daraus ein wirtschaftlicher und politischer Beitrag des Vereins zur Profil-Schärfung des Agrar- und Tourismus-Standortes Schleswig-Holstein als kulinarische Erlebnis-Region werden.

Damit möchten wir zu einem weiteren Schlagwort kommen: „Kulinarik“. Eines missfällt uns enorm. Schnell wird sie vom „Normalbürger“ bis zum „Entscheidungsträger in Wirtschaft und Politik“ mit Hedonismus gleichgesetzt. Hedonismus ist eine in der Antike formulierten Philosophie, nach der das höchste ethische Prinzip das Streben nach Sinneslust und Genuss ist.

Wir halten ein Umdenken für notwendig. Natürlich ist und bleibt Feinheimisch ein Verein, der den Genuss bei der Ernährung und beim Essen befördern will. Allerdings wollen wir auch nicht bei der engen Definition von Kulinarik verharren. Kulinarik ist in unserer Wahrnehmung mehr als der Bezug auf die „ausgefeilte feine Küche“ – mehr als nur der Hype für Geschmacks-, Geruchssinn und für das Auge.

Neue Entwicklungen in der Gesellschaft deuten darauf hin: Auch der Kopf und das Gewissen führen zu einem umfassenden Genuss und leiblichem Wohlbefinden. Eine modern verstandene Kulinarik erhält somit eine zunehmend politische Dimension.
Ich stehe einfach zufriedener vom Esstisch auf, wenn ich weiß:

  • Die verwendeten Zutaten wurden schadstofffrei und nachhaltig produziert.
  • Die Belange der ökologischen Umwelt und des Tierwohls wurden berücksichtigt.
  • Ressourcenschonende Produktionsverfahren stehen dahinter.
  • Sozialverträgliche Gesichtspunkte entlang der gesamten Wertschöpfungskette wurden eingehalten.

All dies muss in die Weiterentwicklung einer landes- und regionaltypischen Kulinarik einfließen und deutlich herausgestellt werden. Und zwar von allen „Marktteilnehmern“ – von Urproduzenten über Verarbeiter und Händler bis hin zum Gastronomen – wir sind Partner und sitzen im gleichen Boot – und ganz nebenbei sprechen hierfür auch ökonomische Gründe.

Oliver Firla
Vorstandsvorsitzender

Wolfgang Götze
Politischer Sprecher des Vorstandes