Zwischen Prunk und Tristesse

Gedanken von Wolfgang Götze zum Schein und Sein der deutschen Küche in privaten Haushalten. Für Schleswig-Holstein ist es an der Zeit, dass die Politik unterstützend und fördernd den Aufbau eines kulinarischen Netzwerks ressortübergreifend auf die Agenda setzt

Da glänzen die Hochglanzlack- oder Edelstahlfronten, dort schimmern die Edelholzfurniere und aus besonderen Steinsorten gefertigten Arbeitsflächen. Edelstahl oder schweres Kupfergeschirr hängt exakt ausgerichtet an den Wänden neben den in offenen Regalen stehenden Designgefäßen mit verschiedenen Inhalten. Im Zentrum steht der professionell wirkende Herdblock mit integrierter Abzugseinrichtung. Und darüber thront der Kaffeeautomat neben der Küchenmaschine aus dem gehobenen Preissegment. Alles ausgerichtet in einem möglichst integrativen Wohn-, Ess- und Kochbereich, damit die Besucher die neuesten Repräsentationen des Gastgebers bewundern können.

Meist muss man in derartigen „Schauküchen“ die Kocharbeits- spuren jedoch mit der Lupe suchen. In anderen Immobilien ist dies gar nicht mehr möglich. Besonders in den USA werden durchaus Häuser und Wohnungen gänzlich ohne Küchen am Markt offeriert. Dem Trend folgend geschieht dies gelegentlich auch schon in Europa. Die Bewohner mutieren – wohlüberlegt? – gänzlich zum „To-Go-Typ“. 38 Prozent von Befragten lehnen diese Form der Ernährung zwar noch ab, 29 Prozent der 18 bis 39-Jährigen nutzen jedoch schon regelmäßig entsprechende Angebote. Nahrungsaufnahme erfolgt dann im Vorbeigehen und spielt eine untergeordnete Rolle. Und das, obwohl Essen und Trinken essentiell für das eigene körperliche Leben und soziales Bindemittel ist.

Doch wie sieht es in der Mitte zwischen beiden Extremen von Prunk und Tristesse aus? Erhellendes bietet der Blick in den Ernährungsreport 2017 des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) und die Ernährungsstudie der Techniker Krankenkasse (TK), wenn auch Antworten auf Umfragen wie diese häufig einem Wunschdenken folgen und das reale Verhalten nur eingeschränkt widerspiegeln.

Von den 1.000 bzw. 1.400 Befragten geben 39 Prozent an, täglich zu kochen; 33 Prozent nutzen zwei bis drei Mal pro Woche ihre Küche, zwölf Prozent nie. Unklar bleibt bei der Umfrage, was unter Kochen verstanden wird. Hinweise darauf geben uns die Werbebroschüren der Supermärkte und Discounter, die durch Angebote für vorgefertigte Produkte überquellen, die weitgehend nur aufgewärmt werden müssen. Daran können 41 Prozent aller Befragten – bei den 19 bis 29-Jährigen sind es sogar 60 Prozent – nicht vorbeigehen. Das ist ein Zuwachs von zehn Prozent gegenüber dem Jahr 2015. Der Hintergrund besteht hier wahrscheinlich in dem Wunsch von 55 Prozent der Befragten, dass Mahlzeiten schnell und einfach zuzubereiten sein sollen.

Dieses Verhalten steht im Widerspruch zur Einschätzung der eigenen Küchenkompetenz: 18 Prozent der Befragten behaupten, sehr gut und 55 Prozent gut kochen zu können – fragt sich nur was? Rohprodukte für die Küche finden sich vor allem in Lebensmittel-Fachgeschäften und auf Märkten. In den Fachgeschäften kaufen jedoch nur noch 30 Prozent ein. Im Vorjahr waren es noch 34 Prozent; bei den Märkten sank die Zahl von 14 auf acht Prozent ab.

Dabei wollen doch 89 Prozent der Befragten gesund essen! Die Studie der TK zeigt an vielen Beispielen auf, dass, wer selbst viel und regelmäßig seine Mahlzeiten in der eigenen Küche zubereitet, tatsächlich einen gesünderen Lebensstil führt und eine Fehlernährung vermeidet. Inzwischen entstehen den Krankenkassen Kosten in Höhe von jährlich 16,8 Millionen Euro, die sie für die Folgen der Fehlernährung aufwenden müssen, die einen gewichtigen Teil der stetig steigenden Beiträge bei der Krankenversicherung eines Jeden ausmachen.

Für das Jahr 2018 ist es mehr als wünschenswert, wenn die Politik und die Parteien auf ihrer Suche nach Identität erkennen würden, dass Kulinarik keinen hedonistischen Selbstzweck hat, sondern ein vernetztes und gesellschaftlich wichtiges Handlungsgefüge darstellt. Auch für Schleswig-Holstein ist es an der Zeit, dass die Politik unterstützend und fördernd den Aufbau eines kulinarischen Netzwerks ressortübergreifend auf die Agenda setzen würde.