Es geht um die Auerochsen-Wurst

Regionale Produkte werden immer beliebter / Qualität und Kundennähe bescheren aber nicht automatisch Erfolg / Was zählt, ist gutes Marketing

aus der SHZ vom 8. Dezember 2009 von Tanja Nissen

Auerochse

Maximilian Bruhn eilt aus der Küche seines Restaurants herbei. „Bruhns Wellenlänge“, das im Ostseebad Stein nahe Kiel liegt, ist für seine gute Küche bekannt. An diesem Nachmittag sind es aber nicht die Gäste, die Bruhn in Atem halten, sondern eine neue Spezialität, die er mit seiner Crew entwickelt. Ein edler Eintopf mit Holsteiner Cox-Äpfeln, Holsteiner Calvados und Auerochsen-Fleisch. Luftgetrocknete Salami vom Auerochsen verkauft Bruhn bereits erfolgreich – gleich ein paar Hundert pro Jahr vermarktet er über Feinkostläden bundesweit.
Die Tiere kommen alle aus Schleswig-Holstein. Sie haben auf offenen Weidelandschaften gegrast. Gemeinsam mit der Fleischerei Einfeld in Negenharrie (Kreis Rendsburg-Eckernförde) entwickelte er eine eigene Rezeptur für die Wurst. „Die Tiere werden sonst einfach weggeschlachtet und landen in irgendeinem anonymen Würstchen“, sagt Bruhn. Er weiß nicht nur um die Qualität des Fleisches, sondern auch um denWert regionaler Produkte.

Spezialitäten von kleinen Manufakturen erfreuen sich einer immer größeren Nachfrage. Und die Kunden sind auch bereit dafür zuzahlen. Das Stichwort ist Regionalität. Nach einer Umfrage des Aachener Marktforschungsinstitutes Dialego sagen zwei Drittel der Deutschen (65 Prozent) ´Ja` zu Lebensmitteln aus regionaler Herstellung. Viele von ihnen gaben an, umweltbewusst zu sein und Betriebe aus ihrer Nähe unterstützen zu wollen. Dabei bewegen viele Käufer Gedanken wie diese: Regionale Produkte wurden von Leuten erzeugt, denen ich trauen kann, die ich kenne.

Die Qualität heimischer Produkte ist eine Sache. Sie zu vermarkten, eine andere. Maximilian Bruhn kommen seine Kontakte als Gastronom zugute. Und was istmit demInternet? Es gilt als Symbol der Globalisierung und könnte ein entscheidendes Instrument sein, um selbst einem Hofladen zu Kunden in ganz Deutschland zu verhelfen. Der Gastronom aus Stein sieht das nicht ganz so euphorisch. Sicher gehöre die Vermarktung übers Internet heute zumGeschäft, dass sie auch automatisch zu hohenUmsätzen führt, diese Erfahrung hat Bruhn bisher nicht gemacht.

Aber er ist kein Einzelkämpfer. Bruhn ist der erste Vorsitzende des Vereins Feinheimisch. Dort haben sich Spitzengastronomen und Lebensmittelerzeuger mit dem Ziel zusammengeschlossen, hochwertige regionale Produkte zu verarbeiten und zu vermarkten. Mindestens 60 Prozent der feinheimischen Waren stammen aus Schleswig-Holstein, auf industrielle Fertigprodukte wird komplett verzichtet. Mittlerweile gehören den Feinheimischen17 Gastronomenund 32 Produzenten an. Zudem gibt es 28 gewerbliche und knapp 200 private Förderer. Gerade  erst wurde der Verein von der schleswig-holsteinischen Umweltministerin Juliane Rumpf (CDU) mit dem Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet.

Gemeinsam vermarkten sich die Feinheimischen auf Veranstaltungen und sie organisieren selber welche. Gemeinsam waren sie bereits beim Hamburger Foodmarket und beim Salone del Gusto – einer der weltweit bedeutendsten Gourmetmessen in Turin. Und das soll erst der Anfang sein. Für das kommende Frühjahr planen die Feinheimischen, rund zwanzig Produkte unter einer eigenen Marke herauszubringen. „Wir wollen mit ein bisschen Genuss die Welt verändern“, sagt Bruhn bescheiden. Das Marktpotenzial für regionaleProduktein Schleswig-Holstein und Hamburg wird auf rund 96 Millionen Euro geschätzt. Das Land Schleswig-Holstein unterstützt das Vorhabenmit 34000 Euro.

Gelingt es regionalen Anbietern, auch überregional Kunden zu gewinnen – und viele streben danach – dann werden sie allerdings vor neue Herausforderungen gestellt. Die kleinen Manufakturen müssen dann größere Mengen produzieren und auch das Argument mit den kurzen, energiesparenden Transportwegen fällt weg. „DieserAufgabe muss man sich stellen“, weiß auch Maximilian Bruhn. Er vertraut darauf, dass die Feinheimischen durch den Austausch untereinander – vonProduzent zuProduzent – dann auch dafür Lösungen finden.